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Interpellation

Wieso tötet die Stadt Bern Ratten?

Die Stadt Bern bekämpft Ratten auf öffentlichem Grund mit Difenacoum – einem Gift, an dem die Tiere über Tage innerlich verbluten. Wir fragen den Gemeinderat nach Zahlen, Kosten, Sekundärvergiftungen und dem Umstieg auf giftfreie Verfahren.

Text: Tier im Fokus (TIF)

Der Gemeinderat wird um Beantwortung folgender Fragen gebeten:

Gemäss Auskunft der Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün (TVS) bekämpft die Stadt Bern Ratten auf öffentlichem Grund mit Giftködern. Vor diesem Hintergrund stellen sich folgende Fragen:

  1. Wie viele Ratten und Mäuse tötet die Stadt Bern jährlich auf öffentlichem Grund, aufgeschlüsselt nach Infra Strasse (Firma Desinfecta) und Infra Entwässerung? Welche Mengen an Difenacoum-Ködern werden dafür pro Jahr ausgebracht und welche Kosten entstehen, einschliesslich des Auftragsvolumens der Firma Desinfecta?
  2. Difenacoum ist ein Antikoagulanz: Vergiftete Tiere sterben über mehrere Tage an inneren Blutungen. Wie beurteilt der Gemeinderat diese Tötungsart mit Blick auf das Tierschutzgesetz, das verlangt, einem Tier nicht ungerechtfertigt Schmerzen oder Leiden zuzufügen?
  3. Difenacoum ist persistent, bioakkumulierbar und toxisch; in der Schweiz wurden Rückstände in Füchsen, Igeln und Greifvögeln nachgewiesen, die vergiftete Nager essen. Erhebt oder beurteilt die Stadt das Risiko solcher Sekundärvergiftungen für die in Bern lebenden Wildtiere? Falls nein, warum nicht?
  4. Infra Entwässerung gibt an, «aktuell» alternative Methoden zu testen, um Giftköder zu ersetzen. Welche Verfahren werden konkret getestet, seit wann und mit welchen Ergebnissen – und bis wann soll der Einsatz von Difenacoum auf öffentlichem Grund beendet sein?
  5. Giftfreie digitale Kanalfallen töten Ratten sofort und ohne Köder, mit Echtzeit-Meldung an die zuständige Stelle; selbst die von der Stadt beauftragte Firma Desinfecta empfiehlt digitale Schlagfallen und ein integriertes Schädlingsmanagement. Prüft die Stadt Bern den Umstieg auf solche Verfahren, und was spräche dagegen?
  6. Gemäss Auskunft gibt es «keine vorbeugenden Massnahmen». Inwiefern bezieht die Stadt Prävention – etwa Abfall- und Litteringmanagement oder die bauliche Sicherung von Zugängen – als ersten Schritt eines integrierten Schädlingsmanagements ein, wie es beispielsweise die Niederlande gesetzlich vorschreiben?
  7. Privatpersonen mit Rattenbefall werden an Schädlingsbekämpfungsfirmen verwiesen. Welche Empfehlungen gibt die Stadt diesen Personen zu giftfreien Methoden, nachdem die Schweiz seit dem 1. April 2025 keine Antikoagulanzien-Rodentizide mehr für private Verwender:innen zulässt?

Begründung

Aus einer Auskunft der Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün (TVS) geht hervor, dass die Stadt Bern Ratten auf öffentlichem Grund mit Giftködern bekämpft. Infra Entwässerung setzt in der öffentlichen Entwässerungsinfrastruktur Wachsblock-Köder mit dem Wirkstoff Difenacoum ein; Infra Strasse beauftragt für Strassen und Plätze die Firma Desinfecta. Difenacoum gehört zu den Antikoagulanzien der zweiten Generation. Diese Wirkstoffe sind persistent, bioakkumulierbar und toxisch; seit dem 1. April 2025 erteilt die Schweiz für private Verwender:innen keine neuen Zulassungen von Antikoagulanzien-Rodentiziden mehr und widerruft bestehende.[1]

Antikoagulanzien hemmen die Blutgerinnung. Vergiftete Tiere sterben nicht sofort, sondern über mehrere Tage an inneren Blutungen. Das Gift wirkt zudem nicht nur auf die Zieltiere: In der Schweiz wurden Rückstände von Antikoagulanzien in Füchsen, Greifvögeln, Igeln und Fischen nachgewiesen – Tiere, die vergiftete Nager essen oder über die Umwelt belastet werden.[2] Da nur ein kleiner Teil der ausgebrachten Köder von Ratten aufgenommen wird, gelangt der Rest in die Umwelt. Ratten sind Wirbeltiere; das Tierschutzgesetz verlangt, einem Tier nicht ungerechtfertigt Schmerzen oder Leiden zuzufügen.[3]

Giftfreie Verfahren sind verfügbar. Digitale Kanalfallen töten Ratten in der Kanalisation sofort und ohne Köder und melden jeden Fang in Echtzeit an die zuständige Stelle.[4] Selbst die von der Stadt beauftragte Firma Desinfecta hält fest, Rodentizide stellten ein Risiko für Umwelt und Biodiversität dar, «selbst dann, wenn sie gemäss geltenden Vorschriften eingesetzt werden», und empfiehlt digitale Schlagfallen sowie ein integriertes Schädlingsmanagement.[5] Die Niederlande schreiben ein solches Management gesetzlich vor: Prävention und nicht-chemische Methoden zuerst, Gift nur als letztes Mittel.[6] Die Stadt Bern gibt an, alternative Methoden zu testen, nennt aber weder einen Zeitplan noch Resultate, und hält fest, es gebe «keine vorbeugenden Massnahmen».

Ziel dieser Interpellation ist es, Klarheit über Umfang, Kosten und Folgen der heutigen Rattenbekämpfung zu schaffen und zu klären, bis wann die Stadt Bern auf öffentlichem Grund auf giftfreie Verfahren umstellen kann.

Eckdaten

Erstunterzeichnende: Tobias Sennhauser (TIF)

Mitunterzeichnende: Matteo Micieli, Raffael Joggi, David Böhner

Parlament: Stadtrat Bern

Einreichungsdatum: 25.06.2026

→ Vorstoss im Original lesen

Quellen

[1] https://www.anmeldestelle.admin.ch/chem/de/home/themen/pflicht-hersteller/zulassung-biozidprodukte/schweiz-spezifische-zulassungsbestimmungen/renewals_rodentizide.html [2] https://www.oekotoxzentrum.ch/projekte/bodenoekotoxikologie/antikoagulanzien-in-der-umwelt [3] https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/2008/414/de [4] https://www.anticimex.ch/schaedlingsbekaempfung/digitale-schaedlingsbekaempfung/digitale-kanalisationsfalle-ratten-maeuse/ [5] https://desinfecta.ch/de/blog/giftkoeder-vermehrt-unter-druck/ [6] https://english.ctgb.nl/topics/responsible-and-safe-use-regarding-people-animals-and-the-biological-environment/rodenticides

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