Für eine Igelstation im Tierpark Bern
Wir fordern, dass der Tierpark Bern eine Igelstation aufbaut und die Bevölkerung über igelfreundliche Gärten und Gefahren wie Mähroboter aufklärt. Der Igel gilt seit 2022 als potenziell gefährdet, in der Stadt Bern fehlt eine Anlaufstelle für kranke und verletzte Tiere.
Der Gemeinderat wird beauftragt, das Reglement über den Tierpark Dählhölzli (Tierparkreglement; TPR; SSSB 152.08) so zu ergänzen, dass der Tierpark Bern:
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eine Igelstation aufbaut und betreibt, die kranke, verletzte und verwaiste Igel aus dem Raum Bern aufnimmt, fachgerecht pflegt und nach der Genesung wieder auswildert;
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die Bevölkerung im Rahmen seiner Zoopädagogik über Igel aufklärt, namentlich über igelfreundliche Gärten und Grünräume, über Gefahrenquellen wie Mähroboter, Fadenmäher und Laubbläser sowie über das richtige Verhalten beim Fund eines hilfsbedürftigen Tiers.
Begründung
Pro Natura hat den Igel zum Tier des Jahres 2026 gewählt – nicht als Auszeichnung, sondern als Alarmzeichen.[1] Seit 2022 steht der Braunbrustigel auf der Roten Liste der Säugetiere als «potenziell gefährdet».[2] In der Stadt Zürich ist sein Bestand innert 25 Jahren um rund 40 Prozent eingebrochen, das Verbreitungsgebiet um 18 Prozent geschrumpft.[3] Pro Natura hält fest: «Wo Siedlungen verdichtet werden, können wertvolle Igel-Lebensräume verschwinden.»[1]
Wie gross der Bedarf ist, zeigt ein Blick über die Stadtgrenze. Die Stiftung Wildstation Landshut in Utzenstorf, gut 20 Kilometer von Bern entfernt, betreut jährlich über 3’000 Wildtiere aus mehr als 100 Arten.[4] Der Igel ist dort der häufigste Patient: Allein im Jahr 2023 wurden der Station 923 Igel gebracht.[5] Diese Zahlen entstehen zu einem erheblichen Teil im Siedlungsraum – also dort, wo die Stadt Bern selbst Verantwortung trägt. Die Versorgung leistet heute eine private Stiftung ausserhalb des Stadtgebiets; die Stadt Bern trägt nichts dazu bei. In der Stadt selbst gibt es keine Igelstation, die nächstgelegene Anlaufstelle liegt in Belp.
Neue Stationen entstehen kaum von selbst. Die bestehenden Igelstationen der Schweiz tragen überwiegend Freiwillige, finanziert aus Spenden.[6] Der Aufbau einer neuen Station kostet nach Angaben der Fachorganisation Pro Igel Schweiz rund 100’000 Franken und setzt eine Bewilligung des kantonalen Veterinäramts voraus – für private Initiativen eine hohe Hürde. Pro Igel Schweiz empfiehlt deshalb, eine Igelstation an eine bestehende Institution anzugliedern, in der veterinärmedizinisches Fachwissen und Infrastruktur bereits vorhanden sind.
Dass dieses Modell funktioniert, führt der Walter Zoo in Gossau SG vor. Er betreibt eine eigene Igelpflegestation, die rund 300 Igel pro Jahr aufnimmt, gleichzeitig rund 14 Tiere pflegen kann und jährlich über 1’000 Beratungsanrufe beantwortet.[7] Die Tiere werden nach der Genesung der findenden Person zur Wiederauswilderung zurückgegeben, und ein angegliederter Naturlehrpfad zeigt den Besuchenden, wie sie den eigenen Garten für einheimische Tiere aufwerten. Pflege und Bildung greifen dort ineinander – genau so, wie es dieser Vorstoss verlangt.
Die Stadt Bern verfügt über die dafür geeignete Institution. Sie betreibt den Tierpark, um «Wissen um die Tierwelt und die artgemässe Haltung von Tieren» zu vermitteln und zu schaffen (Art. 2 Abs. 1 TPR); zu den Aufgaben des Tierparks gehören «die Vermittlung von Wissen im Rahmen einer institutionalisierten Zoopädagogik» (Art. 3 Bst. d TPR) und «weitere Aufgaben im Zusammenhang mit dem Wildtierbestand auf dem Gebiet der Stadt Bern» (Art. 3 Bst. g TPR).[8] Tierpflege und tierärztliche Betreuung gehören im Dählhölzli zum täglichen Betrieb; für Fledermäuse besteht bereits eine Quarantänestation.
Damit ist eine Igelstation im Tierpark reglementarisch zwar zulässig, aber nicht verlangt. Genau darin liegt das Problem: Art. 3 Bst. g TPR ist eine offene Auffangklausel. Sie erlaubt dem Tierpark, sich um den städtischen Wildtierbestand zu kümmern, verpflichtet ihn zu nichts und weist ihm dafür keine Mittel zu. Seit dem Inkrafttreten des Reglements ist auf dieser Grundlage keine Igelstation entstanden. Diese Motion schliesst die Lücke zwischen Dürfen und Tun: Sie macht aus einer Möglichkeit einen Auftrag, den der Tierpark in seiner Planung und in seinem Budget abbilden muss.
Für die Igelbestände zählt dabei jedes Tier: Mit dem Rückgang schrumpft der Genpool, was die Widerstandsfähigkeit der Population gegen Krankheiten und Umweltveränderungen weiter schwächt. Jeder Igel, der nach der Pflege ausgewildert werden kann, trägt zum Erhalt der Art bei.
Ebenso wichtig ist der zweite Teil des Auftrags. Die meisten Gefahren für Igel entstehen dort, wo Menschen ihre Gärten und Grünräume pflegen: nachts mähende Roboter, Fadenmäher, weggeblasenes Laub, unüberwindbare Zäune und Schächte. Der Gemeinderat sieht das ähnlich. In seiner Antwort vom 6. Mai 2026 auf die Motion «Nachtfahrverbot für Mähroboter – für Igel und andere Kleintiere» (2025.SR.0388)[9] nennt er als entscheidend «die Kombination verschiedener Faktoren wie intensive Rasenpflege, Strukturarmut, fehlende Nahrung, Pestizideinsatz, undurchlässige Zäune und Mauern, sowie mangelnde Versteck- und Überwinterungsmöglichkeiten». Er lehnt dieses Verbot ab, erklärt sich aber bereit, als Postulat zu prüfen, «welche zusätzlichen und verhältnismässigen Massnahmen – z.B. Sensibilisierungsmassnahmen – ergriffen werden können, um den Igel in der Stadt Bern zu schützen».[10] Diese Motion ist die Antwort darauf. Sie reguliert keine privaten Gärten, sondern verlangt eine Leistung der Stadt in ihrem eigenen Betrieb: Aufnahme der Tiere, die es trotzdem trifft, und Aufklärung über die Ursachen. Die zeitgleich eingereichte Motion «Für eine ökologische Laubpflege in Bern» verlangt ergänzend, dass Laub als Lebensraum und Winterquartier liegen bleibt, statt weggeblasen zu werden.
Wie der Tierpark den Auftrag umsetzt, bleibt ihm überlassen. Denkbar ist eine eigene Station auf dem Areal ebenso wie eine Zusammenarbeit mit der Wildstation Landshut, die für Igel und Fledermäuse bereits über die nötige Infrastruktur verfügt,[4] oder ein gemeinsames Vorgehen mit Stadtgrün Bern und interessierten Organisationen. Der Vorstoss verlangt das Ergebnis, nicht den Weg dorthin.
Eckdaten
Erstunterzeichnende: Tobias Sennhauser (TIF), Dominique Hodel (SP), Franziska Geiser (GB), Ronja Rennenkampff (JA)
Mitunterzeichnende: Nora Joos, Lea Schweri, Katharina Gallizzi, Seraphine Iseli, Mirjam Läderach, Karel Ziehli, Anna Leissing, Esther Meier, Lea Bill, Sebâ Topuz, Julia Schwitter, Jacqueline Brügger, Cemal Özçelik, Vera Zotter, Lukas Wegmüller, Alexander Feuz, Thomas Glauser, Ueli Jaisli, Matteo Micieli, Raffael Joggi, David Böhner, Monique Iseli, Judith Schenk, Raphaela Tschümperlin, Helin Genis, Gourab Bhowal, Szabolcs Mihàlyi, Roger Nyffenegger
Parlament: Stadtrat Bern
Einreichungsdatum: 15.10.2026
Quellen
[1] https://www.pronatura.ch/de/tier-des-jahres-2026-igel [2] https://www.bafu.admin.ch/dam/de/sd-web/4fNLhPjKlSDe/rote-liste-saeugetiere.pdf [3] https://naturschutz.ch/news/forschung/igelpopulation-auch-in-staedten-unter-druck/152322 [4] https://www.wildstation.ch/de/ueber-uns/wildstation.html [5] Annina Häusli, «Igel können kleine Ausbrecher sein», Plattform J, 18. Dezember 2023: https://www.plattformj.ch/artikel/216012/ [6] https://www.pro-igel.ch/igel-in-not [7] https://www.walterzoo.ch/tiere-artenschutz/igelpflegestation [8] https://stadtrecht.bern.ch/lex-152_08 [9] https://stadtrat.bern.ch/de/dokumente/2b84fe17187242068d684b5213a1ca23-332 [10] https://stadtrat.bern.ch/de/dokumente/f23bf2396f464b358a2b9ced581033ac-332