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Nutztierhaltung

Auf der Suche nach einem langen Leben

Über zwei Millionen Küken werden in der Schweiz jedes Jahr kurz nach dem Schlupf "entsorgt". Der Bio-Branche ist das schon lange nicht recht. Sie möchte den Tieren aus ethischen Gründen ein möglichst langes Leben gönnen. Und schlägt deshalb vor: mästen statt häckseln! Von Klaus Petrus (tif).

Text: Tier im Fokus (TIF)

Ihr Leben beginnt, wo es endet: In gigantischen Brütereien, in denen sie aus ihren Eiern schlüpfen, auf einem Förderband aussortiert und kurz darauf vergast oder lebendig zerhäckselt werden. Die Rede ist von den männlichen Küken hochspezialisierter Legehennen. Weil sie naturgemäss keine Eier legen und zuchtbedingt zu wenig Fleisch ansetzen, sind sie nicht zu gebrauchen. Allein in der Schweiz gibt es über 2 Millionen “Abfallküken” jedes Jahr, die so entsorgt werden. In Deutschland sind es um die 25 Millionen, im gesamten EU-Raum 300 Millionen. Mindestens.

https://www.youtube.com/watch?v=iU2b8PoIpY4

”Ethisch inakzeptabel”

Dass hier am Laufmeter Leben erzeugt wird, um es wenig später zu vernichten, empfindet selbst die Branche als problematisch, ja “ethisch inakzeptabel”. Den Grundsätzen des Biologischen Landbaus jedenfalls gehen derlei Praktiken schon lange gegen den Strich. Man möchte nicht weiter von den Turbo-Legehennen der Zuchtgiganten abhängig sein, man will ein eigenes Huhn: Robust, vital und gesund muss es sein und vor allem soll es, wie ganz früher, wieder beides aufs Mal können: viele Eier legen und ordentlich Fleisch ansetzen.

Nur rentieren will dieses “Kombihuhn” nicht. Die ungarische Rasse Tetra H ist zwar wetterfest, legt aber zu wenige Eier. Auch die Sulmtaler Hühner kommen mit 180 Eiern nicht annähernd an den Standard der Legehennen aus Hochleistungszuchten heran; die nämlich bringen es auf 300 im Jahr. Wesentlich besser schneiden da die französischen Bressehühner Les Bleues oder die holländischen Borans Nera ab, heisst es. Nur zeigen sie offenbar schon früh Verhaltensstörungen wie Federpicken oder gar Kannibalismus, ein Problem, das man üblicherweise nur in Tierfabriken vermutet.

Dann wenigstens mästen

Es fehle am Engagement der grossen Zuchtbetriebe, ihr Know-How und vor allem ihr Geld in ein zukunftsträchtiges, rentables Zweinutzungshuhn zu stecken, sagt Roman Weibel von KAGfreiland. Schon seit 1997 tüftelt die Nutztierschutz-Organisation an einem “Kombihuhn”. Auf den grossen Durchbruch, den Zuchtgiganten wie Lohmann immer wieder mal in Aussicht stellen, mag man indes nicht warten. Und setzt unterdessen auf fleischlastige Legehühner, deren männliche Küken zu Junghähnen herangemästet werden. Allerdings sind auch sie bisher nicht konkurrenzfähig: Während konventionelle Masthühner darauf getrimmt sind, sich in nur 40 Tagen ein Gewicht von 2 Kilogramm anzufressen, brauchen Hühner der Rasse Silver dafür 14 Wochen.

Immerhin sei das eine Alternative zum “massenhaften Bibelitöten”, sagt Nadja Brodmann von KAGfreiland. Auf Eier zu verzichten und damit das Übel direkt anzugehen, scheint keine Option. KAGfreiland setzt sich für einen “tierfreundlichen Konsum” ein, vegetarisch sei auch “okay”, schreibt die Organisation. Und hebt hervor, dass die Junghahnmast einem zentralen Credo der Bio-Philosophie verpflichtet sei: “Aus ethischen Gründen streben wir eine möglichst lange Lebensdauer der Tiere an”.

Mit 15 Wochen ist sowieso Schluss

Was allerdings relativ ist. Robuste, nicht schon über alle Masse verzüchtete Hühner können unter semi-natürlichen Bedingungen und bei guter Fürsorge 10 Jahre alt werden. Werden die Junghähne bei KAGfreiland mit 14 Wochen geschlachtet, erreichen sie gerade einmal 2.5 Prozent ihrer Lebenserwartung.

Aus Sicht der Tierindustrie ist dies freilich das Optimum. Denn nach 15 Wochen kommen die Hähne in die Pubertät, dann beginnen die Rangkämpfe. Und das will niemand im eigenen Hühnerstall. Bio hin, Bio her.

Weitere Materalien

Kommentare (2)

  • Frank Bergmann 3. Februar 2012

    Ich habe mal ne Frage und zwar wie viele Eier legt ein Huhn in Massentierhaltung am Tag?
    Gruß Frank Bergmann (LetsPlayFrank)

  • tif 7. Februar 2012

    Moderne „Legehühner“ aus Hybridzuchten gelten mit 18 Monaten bereits als „Althennen“ und werden geschlachtet. Davor haben sie 1 Jahr Eier gelegt, im Schnitt sind das 300 Stück.

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