Berner Wirtschaftsstrategie vergisst die Tiere
Die Stadt Bern schreibt ihre erste Wirtschaftsstrategie, und die Tiere kommen darin nicht vor. Dabei entscheidet die Stadt mit, was in Kitas und Tagesschulen auf den Teller kommt, was auf ihrem Landwirtschaftsland wächst und welche Forschung sie fördert. Tier im Fokus (TIF) verlangt in der Vernehmlassung, dass die Stadt die Interessen der Tiere in ihrer Wirtschaftspolitik berücksichtigt.
Bern, 28. Oktober 2026 – Bis am 30. Oktober läuft die Vernehmlassung zum Entwurf der Wirtschaftsstrategie. Tier im Fokus (TIF) hat eine Stellungnahme mit fünf Punkten eingereicht. Im Zentrum steht die Ernährungswirtschaft: Der Entwurf hält fest, dass in der Kreislaufwirtschaft unter anderem im Food-Bereich «besonders grosse Potenziale» bestehen, formuliert dazu aber keine eigene Massnahme.
Dabei sind die Betriebe in der Region Bern längst da. Die vegane Bäckerei Bakery Bakery, 2019 in Bern gegründet, führt heute zwölf Filialen und setzt über zehn Millionen Franken um. Yeastup in Lyss gewinnt Protein aus Brauereihefe und hat dafür rund 12,5 Millionen Franken Risikokapital erhalten. Luya Foods in Bern macht aus Okara, dem Nebenprodukt der Tofuherstellung, Tempeh.
Aus Gesprächen mit Betrieben der Branche weiss Tier im Fokus (TIF), wo es klemmt: beim Schritt von der Idee zur ersten verkaufsfähigen Kleinserie, später beim Sprung von der Pilotanlage zur kommerziellen Produktion und bei den Bewilligungen. Die Organisation beantragt deshalb eine eigene Massnahme: Die Stadt soll kleinen Betrieben den Zugang zu Produktionsräumen und Zwischennutzungen erleichtern, mit dem Kanton Bürgschaften und Wachstumsfinanzierungen prüfen und die Betriebe bei Bewilligungen begleiten und prüfen, wo sich Verfahren vereinfachen lassen. «Wer in Bern ein Lebensmittel entwickelt, soll es auch in Bern herstellen können», sagt Tobias Sennhauser, Stadtrat von Tier im Fokus (TIF). «Sonst wandert die Wertschöpfung ins Ausland ab.»
Eine Million Mahlzeiten
Gross ist der Hebel auch bei der Stadt selbst. In den städtischen Kitas und Tagesschulen wurden 2020 rund 640’000 Mahlzeiten produziert, bis 2030 rechnet die Stadt mit über einer Million pro Jahr (Mahlzeitenstrategie der Stadt Bern, S. 3 und 9). Tier im Fokus (TIF) verlangt, dass die Stadt den Anteil pflanzlicher Menüs erhöht. Das hat sie sich in ihrer Energie- und Klimastrategie 2035 bereits vorgenommen: Bei der Verpflegung in Kitas und Tagesschulen will sie auf weniger tierische Produkte setzen (Massnahme EG-4). Denn bei der Produktion tierischer Lebensmittel entstehen neben CO₂ auch Methan und Lachgas. Der Entwurf der Wirtschaftsstrategie spricht beim Klima aber nur von CO₂, die anderen Treibhausgase bleiben unberücksichtigt.
«Wer das Klima schützen will, muss die pflanzliche Ernährung fördern», sagt Sennhauser. «Auf dem Teller in der Kita genauso wie in der Wirtschaftspolitik.»
Ihre Ausschreibungen soll die Stadt zudem so gestalten, dass auch kleine und regionale Anbieter eine realistische Chance haben, etwa indem sie die Verpflegung nicht als einen grossen Auftrag vergibt, sondern in kleinere Teilaufträge aufteilt.
Tierwohl und Forschung ohne Tierversuche
Weitere Anträge betreffen das städtische Landwirtschaftsland, den Einkauf der Stadt und die Forschung. Die Stadt besitzt rund 194 Hektaren Landwirtschaftsland. Sie soll Pächter:innen unterstützen, die von der Tierhaltung auf Hülsenfrüchte umsteigen wollen.
Beim Einkauf richtet sich die Stadt nach ihrem Leitbild «Nachhaltige Beschaffung» von 2023, das ökologische, ökonomische und soziale Aspekte gleichwertig berücksichtigt. Das Wohl der Tiere kommt darin nicht vor, obwohl die Stadt laufend Produkte tierlicher Herkunft einkauft. Tier im Fokus (TIF) verlangt, dass Tierwohl ein eigenes Kriterium wird, etwa bei Lebensmitteln und Textilien sowie bei Reinigungs- und Pflegeprodukten, die ohne Tierversuche hergestellt sein sollen.
Schliesslich soll die Stadt im Medtech-Cluster ausdrücklich tierversuchsfreie Forschung fördern. Ein Beispiel sind Organ-on-Chip-Systeme: Auf einem kleinen Chip wachsen menschliche Zellen in einer Umgebung, die der im Körper nachgebildet ist. So lassen sich biologische Vorgänge untersuchen, ohne Tiere zu verwenden, darunter auch solche, die Tiermodelle nicht erfassen können. Berner Firmen wie AlveoliX und Vitronco entwickeln solche Systeme bereits, und der Markt dafür wächst: Die US-Arzneimittelbehörde FDA will Tierversuche in präklinischen Sicherheitsstudien schrittweise reduzieren.
Die Stellungnahme mit allen Anträgen steht als PDF zum Download bereit.


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