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Podcast

"Jede Demokratie braucht Zivilen Ungehorsam"

Seit Jahren geht Martin Balluch vom Verein gegen Tierfabriken (VgT) Österreich mit konfrontativen Kampagnen gegen die Tierindustrie vor – was gewissen Interessengruppen offenbar zu viel wurde. Klaus Petrus (tif) hat mit ihm über Formen des Aktivismus geredet, über staatliche Repressionen gegen die Tierrechtsbewegung und die Frage, wie weit man im Namen der Tiere eigentlich gehen darf.

Text: Tier im Fokus (TIF)

Martin Balluch, Obmann des Vereins gegen Tierfabriken VgT in Österreich, gehört im deutschsprachigen Raum zu den bekanntesten Aktivisten der Tierschutz- und Tierrechtsbewegung. Seit Jahren geht er mit konfrontativen Kampagnen gegen die Tierindustrie vor – was gewissen Interessengruppen offensichtlich zu viel wurde: Ab Mai 2010 musste sich Balluch mit 10 weiteren AktivistInnen in Wiener Neustadt vor Gericht verantworten, die Anklage lautete u.a. auf Verdacht der Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation. Der Prozess sorgte weit über die österreichischen Landesgrenzen hinaus für Aufsehen und endete anfangs März 2011 mit einem Freispruch für alle AktivistInnen in allen Anklagepunkten.

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Hören Sie dazu ein Interview, das Klaus Petrus im September 2011 mit Martin Balluch in Bern geführt hat.

Podcast: Download

Publikationen Martin Balluch (Auswahl)

Kommentare (2)

  • Wetzler Franz 17. Oktober 2011

    Wenn Sie einmal etwas Zeit haben, moechte ich mich
    Wegen der Milchviehhaltung unterhalten.
    Hier stinks gewaltig zum Himmel!

    Gruesse
    Franz Wetzler

  • Martin Pätzold 18. Oktober 2011

    Anmerkungen zu drei Thesen, die am Ende es Podcasts vertreten wurden.

    (1) These Menschen würden wegen „Systemzwängen“ nicht zu veganen Alternativen wechseln und es wäre daher ungeeignet, einzelne Personen überzeugen zu wollen. – Es gibt keinen Zwang beim Einkaufen; niemand, plakativ gesprochen, hält den Kunden im Supermarkt eine Waffe an den Kopf und zwingt sie, unvegane Produkte zu kaufen. Sie haben sie Wahl. Selbstverständlich sind Faktoren wie geringere Verfügbarkeit und höherer Preis nicht nebensächlich, sind aber für einen signifikanten Anteil der Bevölkerung (sagen wir 20%) kein Hindernis. Wenn man eine Systemänderung erreichen will (hier: bessere Verfügbarkeit und niedrigerer Preis von Alternativprodukten) ist es wesentlich sinnvoller und einfacher, diese einzelnen Individuen anzusprechen. Wenn sie vegan sind, können sie durch ihre Nachfrage dieses Ziel (bessere Verfügbarkeit, niedrigerer Preis) erreichen, was bei z.B. Sojamilch in den letzten Jahren geschehen ist (sie ist inzwischen weiträumig verfügbar und ist deutlich billiger geworden). Wenn das erreicht ist, wird dann auch der Teil der Bevölkerung erfasst, der tatsächlich zu bequem ist, sich jetzt bereits zu ändern. Dass die Nachfrage das Angebot bestimmt, ist eine Regel (wie alle Regeln) mit Ausnahmen, trotzdem in den meisten Fällen weiterhin zutreffend und keineswegs „naiv“. Und wenn man Nachfrage nach veganen Produkten haben will, braucht man Veganer. Systemänderung funktioniert durch die Überzeugung von einzelnen Individuen.

    Dass viele Menschen nicht bereit sind, Tierprodukte zu vermeiden, liegt auch daran, dass ihre Motivation dafür untergraben wird durch das Verhalten von Tierschutzvereinen. Diese bieten ihnen die Möglichkeit an zu spenden und damit modernen Ablasshandel zu betreiben, sodass sie lieber Geld geben, als ihr eigenes Verhalten zu ändern (eben vegan zu werden). Und es geschieht dadurch, dass diese Vereine „Tierschutz-Labels“ oder „Tierschutz-Auszeichnungen“ an Tierausbeutungsbetriebe verleihen. Das vermittelt den Konsumenten, es sei ethisch nicht oder weniger verwerflich, diese Tierprodukte zu konsumieren (wiederum: anstatt das Verhalten zu ändern und vegan zu werden). Es ist kein Wunder, dass der Eindruck entsteht, einzelne Individuen zu überzeugen sei schwierig, da (u.a.) der VgT selbst für diesen Zustand sorgt.

    (2) These das Legebatterieverbot sei ein Fortschritt. – Das gründe sich zum einen darauf, dass es den Tieren besser ginge. Nur ist das äußerst fraglich, da die Vorteile aufgezählt wurden, aber die Nachteile ausgelassen. Die Nachteile (zwischen „Käfig-“ und sog. „Alternativhaltung“) umfassen z.B. vermehrtes Federpicken und Kannibalismus, höheres Verletzungsrisiko, höherer Ammoniak- und Staubgehalt in der Luft und dadurch vermehrt Atemwegserkrankungen, erhöhtes Risiko für Ektoparasiten usw. was alles u.a. in der höheren Mortalitätsrate bestätigt wird. Die Vor- und Nachteile heben sich weitgehend auf (so auch das EFSA-Gutachten), d.h. den Tieren geht es nicht besser, sondern nur auf andere Weise schlecht. Daher wäre eine Antwort auf die Frage, wieso es ein Fortschritt sei, wenn doch nun mehr Tiere (für die gleiche Menge an Eiern) sterben als vorher, interessant gewesen; darauf gab es jedoch keine Antwort. Selbst wenn man eine leichte Verbesserung der Haltungsbedingungen annehmen würde, würde sich das spätestens durch die insgesamt größere Anzahl an vergasten Küken und ausgebeuteten Hennen wieder aufheben. Wenn man bedankt, dass die Haltungsbedingungen jedoch nicht grundsätzlich besser sind, dass mehr Tiere sterben als vorher und das nochmals mehr Tiere sterben, weil der Pro-Kopf-Konsum an Eiern seitdem gestiegen ist (Stichwort Gewissensberuhigung durch „höhere Tierschutzstandards“), ist es wohl kaum als Fortschritt zu bezeichnen.

    Zum anderen sei es ein Fortschritt, weil die geringfügige Preissteigerung zwar aktuell keinen Effekt hätte (da der Pro-Kopf-Konsum gestiegen ist), sie aber „grundsätzlich“ gut wäre. Auch das ist in seiner Pauschalität fehlerhaft. Höhere Preise signalisieren prinzipiell eine höhere Qualität und werden so auch wahrgenommen. Höhere Preise bieten daher oft einen Kaufanreiz, der hier wiederum besonders attraktiv ist, denn teurere Tierprodukte werden (dazu gibt es genug Studien zu Bio-Produkten) mit besseren Bedingungen für die Tiere assoziiert und tragen damit wiederum zur Gewissenberuhigung und dem Weiterkonsum von Tierprodukten bei.

    (3) These die Verfolgung zeige, dass die Industrie von den reformistischen Praktiken geschädigt würde. – Die Verfolgung zeigt vielmehr, dass auch Politiker bzw. Unternehmensführer falsche Einschätzungen über die Wirksamkeit politischer oder ökonomischer „Gefahren“ machen können. Mit einem Blick in die Geschichte findet man viele Repressionswellen, die sich gegen eine angebliche, behauptete, aber tatsächlich nicht vorhandene Schädlichkeit von Gruppierungen richtete (ein Beispiel: McCarthy-Ära). Wirklich und nachhaltig geschadet hätte ein Rückgang des Pro-Kopf-Konsums (wie er erreichbar ist, indem man Individuen vom Veganismus überzeugt), aber der ist nicht eingetreten.

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