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Tierpolitik im Bundeshaus

Rückblick auf die Wintersession 2025

In der vergangenen Wintersession bremste die Agrarlobby fast alle wichtigen Reformen aus. Tiere, Natur und eine nachhaltige Ernährung müssen derzeit hinten anstehen.

Text: Tobias Sennhauser

Die Ernährungsinitiative wurde im Nationalrat als Erstrat deutlich abgelehnt. Auch ein abgeschwächter indirekter Gegenvorschlag fand keine Mehrheit.

Inhaltlich greift die Initiative zentrale Probleme auf: die hohe Importabhängigkeit der Schweiz, den übermässigen Ressourcenverbrauch der Tierproduktion, die Belastung von Böden, Gewässern und Biodiversität sowie die geringe Krisenfestigkeit des heutigen Ernährungssystems. Gefordert werden unter anderem ein verbindlicher Netto-Selbstversorgungsgrad von mindestens 70 Prozent (heute: 42 Prozent) und eine stärkere Ausrichtung auf pflanzliche Lebensmittel.

Vertreter:innen von Grünen, SP und GLP anerkannten zwar die Zielrichtung der Initiative, bezeichneten jedoch den Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent sowie die zehnjährige Umsetzungsfrist als zu ambitioniert. Gleichzeitig betonten sie, dass die heutigen agrarpolitischen Instrumente ungenügend seien, um Umwelt- und Biodiversitätsziele tatsächlich zu erreichen. Vor diesem Hintergrund unterstützten Teile der Ratslinken einen indirekten Gegenvorschlag, der Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit und Gewässerschutz expliziter in der Agrarpolitik verankern sollte.

Dieser Gegenvorschlag wurde vom Nationalrat dennoch klar abgelehnt. Bürgerliche Parteien argumentierten mit mangelnder Umsetzbarkeit, hohen Kosten und einem angeblichen Eingriff in die persönliche Ernährungsfreiheit. Offen blieb erneut die Frage, wie Ernährungssicherheit, Klima- und Biodiversitätsschutz unter den bestehenden Produktionsstrukturen langfristig gewährleistet werden sollen. Nun berät der Ständerat über Initiative und Gegenvorschlag.

Feuerwerksinitiative: Kleiner Schritt, grosses Versäumnis

Ebenfalls behandelt wurde die Feuerwerksinitiative. Der Nationalrat lehnt die Initiative ab, beschloss dafür einen indirekten Gegenvorschlag, der sogenannte Böller verbietet, verzichtete aber auf weitergehende Einschränkungen von lautem Feuerwerk.

Für Tiere bedeutet dieser Entscheid kaum Entlastung. Der Grossteil der Lärmbelastung stammt nicht von reinen Knallkörpern, sondern von visuell-akustischem Feuerwerk wie Raketen. Haus- und Wildtiere leiden weiterhin unter panischem Stress, Verletzungen und Fluchtreaktionen.

Besonders irritierend ist der politische Kontrast zur gesellschaftlichen Realität: Umfragen zeigen seit Jahren eine klare Mehrheit der Bevölkerung für weitergehende Einschränkungen, teilt das Initiativkomitee mit. Zahlreiche Gemeinden gehen bereits weiter als der Bund, dereinst hoffentlich auch die Stadt Bern. Dennoch blieb der Gegenvorschlag minimalistisch. Der Ständerat ist nun gefordert, dieses klare Signal aus der Bevölkerung ernst zu nehmen und substanzielle Verbesserungen vorzunehmen.

Wolfspolitik: Abschüsse statt Koexistenz

Mit zwei angenommenen Motionen beschliesst das Parlament eine weitere Schwächung der Schweizer Wolfspopulationen. Neu sollen Abschüsse auch in Jagdbanngebieten möglich sein und sogenannte «Problemwölfe» selbst dann getötet werden dürfen, wenn sie Teil eines Rudels sind.

Diese Entscheide stehen im Widerspruch zu internationalen Verpflichtungen der Schweiz und zu wissenschaftlichen Erkenntnissen. Sie fördern eine symbolische Politik der Eskalation, statt in funktionierenden Herdenschutz, Prävention und Koexistenzmodelle zu investieren. Besonders problematisch ist, dass Abschüsse zunehmend präventiv legitimiert werden sollen, ohne dass konkrete Schäden bereits eingetreten sind.

Die Gruppe Wolf Schweiz warnt vor Bestrebungen, in der Schweiz ein Wolfsmanagement nach schwedischem Vorbild einzuführen. Dieses Modell sei rechtswidrig und gefährde den Wolfsbestand existenziell, da Abschüsse über feste Quoten erfolgen – unabhängig von konkreten Schäden. Die EU habe das schwedische Vorgehen als nicht rechtskonform beurteilt, da kein günstiger Erhaltungszustand gewährleistet sei; auch die Berner Konvention werde verletzt. Mitte Dezember 2025 stoppte ein schwedisches Verwaltungsgericht die geplante Wolfsjagd mit Verweis auf diese Rechtswidrigkeit. Wolf Schweiz betont, dass ein solches Modell langfristig auf die Ausrottung des Wolfs hinauslaufe, selbst wenn dies politisch beschönigt werde.

TIF lehnt den Kurs der Schweizer Wolfspolitik klar ab. Eine Politik, die auf systematische Tötung setzt, löst keine Nutzungskonflikte, sondern verschärft sie. Notwendig wären verbindliche Investitionen in Herdenschutz, eine bessere Unterstützung betroffener Betriebe und eine faktenbasierte Kommunikation statt Angstmobilisierung.

Biodiversität: Viele Worte, wenig Wirkung

Der Bundesrat hat in der Wintersession eine aktualisierte Version des Aktionsplans Biodiversität verabschiedet. 

BirdLife Schweiz kritisiert, dass die Schweiz weiterhin viel zu wenig für die stark bedrohte Biodiversität tue. Insbesondere fehlten nach wie vor grossflächig wirksame Massnahmen gegen das Insektensterben, die den Trend tatsächlich bremsen oder umkehren könnten. Statt verbindlicher Schritte verspreche der Bundesrat erneut zu prüfen, ob zusätzliche Massnahmen nötig seien – und verschiebe damit den Prüfauftrag aus dem Aktionsplan von 2024 ein weiteres Mal.

Für Tiere – und auch für uns Menschen – ist Biodiversität kein abstraktes Umweltziel, sondern die Grundlage für das Überleben. Eine Politik, die Schutz ankündigt, gleichzeitig aber dort spart, wo Umsetzung stattfinden müsste, bleibt unglaubwürdig.

Es braucht Druck von der Bevölkerung

Die Wintersession 2025 verdeutlicht: Fortschritte für Tiere entstehen nicht von selbst. Selbst breit abgestützte Anliegen werden im Parlament abgeschwächt oder vertagt, sobald sie bestehende Produktions- und Konsummuster infrage stellen. Umso wichtiger bleibt der politische Druck von aussen – durch Initiativen, Referenden, Lobbyarbeit und eine öffentliche Debatte.

TIF will sich aktiv in die Politik einmischen und den Tieren eine Stimme im Parlament geben. Dazu kandidieren wir am 29. März für das Kantonsparlament in Bern. Lies unsere Forderungen im Wahlprogramm.

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