Ein Visionär ohne Scheuklappen
Sam Nüesch war einer, der uns das Träumen lehrte – und wie man Utopien auf den Boden der Realität bringt. Nun ist er viel zu früh verstorben.
Wir standen mitten in der Vorbereitung für unsere erste Kandidatur für das Berner Kantonsparlament. Excel-Listen, Konzepte, ein Berg an Todos. Wir alle hatten unsere Rolle, wir waren auf Kurs, unsere Richtung stimmte.
Doch dann stand alles still.
Sam erlitt eine schwere Hirnblutung, ausgelöst durch die extrem seltene und komplexe Ko-Existenz eines Moyamoya-Syndroms mit einer arteriovenösen Malformation. Er wurde ins künstliche Koma versetzt. Auf Planung und Aufbruch folgte Schock und Bangen.
Der Kompass unserer Arbeit
Sam war für TIF weit mehr als ein Wegbegleiter. Er war ein strategischer Architekt. Über das von ihm mitbegründete Amt für Zukunft arbeitete er jahrelang eng mit uns zusammen. Er war massgeblich mitverantwortlich für unsere Theory of Change – einen Kompass für unsere Tierrechtsarbeit.
Ausgebildet als Philosoph und Kaospilot sagte er manchmal mit Schalk: «Beides merkt man.» Und tatsächlich: Wer mit ihm arbeitete, tauchte in neue Welten ein. Wenn Sam einen seiner legendären Workshops leitete, öffnete sich ein Raum unbegrenzter Möglichkeiten. Man durfte träumen, spinnen, Utopien entwerfen. An einem Workshop entstanden über 140 Ideen für Volksinitiativen – darunter ein bedingungsloses Gemüseabo. Sam liess uns weit fliegen und half uns anschliessend, sicher zu landen. Er dachte gross, unkonventionell und weit – und blieb dabei stets bodenständig, praktisch und nahbar.
Sam brachte frischen Wind zu TIF. Gerne zitierte er Peter Drucker: «Culture eats strategy for breakfast.» Für Sam war Kultur keine Floskel, sondern Fundament. Wer neu zu TIF kam, wurde von ihm nicht nur empfangen, sondern wirklich willkommen geheissen. Seine Umarmungen waren nie beiläufig. Wenn Sam dich umarmte, blieb die Zeit kurz stehen.

Gemeinsam Geschichte schreiben
Sein Einfluss reichte weit über eine gute Kultur hinaus. Sam leitete unsere Tierpolitik-Gruppe. Aus zahlreichen Workshops und wöchentlichen Treffen wuchs schliesslich der Mut zur Kandidatur für den Berner Stadtrat. Gemeinsam errangen wir den ersten politischen Sitz für Tiere in einem Schweizer Parlament.
Die Wahlnacht bleibt unvergessen. Wir feierten zusammen mit einer anderen Partei und standen gerade draussen, als jemand aus dem Saal auf uns zustürmte, mit dem Finger auf uns zeigte und rief: «Ihr seid gewählt!» Wir waren sprachlos und fielen uns in die Arme. Es folgte eine ausgiebige Tour durch Berns Beizen, während wir nur langsam begriffen, was wir gerade erreicht hatten.
Es tröstet uns, dass Sam die Früchte seines Erfolgs noch ernten durfte. Und zugleich bricht es uns das Herz, ihn mitten auf dem Weg zu verlieren. Wir standen erst am Anfang – und Sam hätte die nächsten Schritte entscheidend mitgeprägt.
Dabei sah es zwischenzeitlich, den Umständen entsprechend, vorsichtig hoffnungsvoll aus. Zwar würde Sam voraussichtlich linksseitig gelähmt bleiben, doch die Ärzt:innen waren zuversichtlich, dass er eines Tages wieder weitgehend selbstständig leben könnte.
Doch dann folgte eine erneute Hirnblutung, und die Ärzt:innen konnten nichts mehr für ihn tun.
Sein Universum bleibt
Mit Sam verlieren wir einen strategischen Denker, einen Möglichkeitsöffner, einen warmherzigen Menschen. Sein Universum war gross – und wir durften Teil davon sein.
Wir machen weiter. Für Sam und für alle anderen Tiere. Wir ehren ihn, indem wir seinen Kompass weiter nutzen. Wenn wir vor schwierigen Entscheidungen stehen, werden wir uns fragen: «Was würde Sam jetzt sagen?»
Du hast uns gelehrt, gross zu denken, unkonventionell zu handeln und dabei liebevoll und geerdet zu bleiben.
Dein Universum lebt weiter – in unserer Arbeit und in unseren Herzen.
Danke für alles, Sam.

Abschiedszeremonie für Sam
Sonntag, 8. März 2026, 13:00–18:00 Uhr
Heitere Fahne, Dorfstrasse 22/24, 3084 Wabern
Ab 13:00 Uhr Eintreffen, 14:00 Uhr Zeremonie im offenen Kreis. Beiträge in Wort, Musik oder anderer Form sind willkommen. Ab ca. 15:30 Uhr veganes Apero.
Alle sind willkommen. Keine Anmeldung nötig.


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